Skip to main content

Parkinsons Gesetz

60 Jahre nach der Erstveröffentlichung hat Parkinsons Gesetz keinen Federstrich an Aktualität verloren. In diesem dreiteiligen Beitrag schildert der Autor seine persönlichen Erfahrungen mit Parkinsons Gesetz und enthüllt dessen Auswirkungen auf die Parlamente im Deutschen Bundestag und der Europäischen Gemeinschaft.

Teil 1 Erste Begegnungen mit Parkinsons Gesetz

Zu meinem 30. Geburtstag schenkte mir mein Chef aus gegebenem Anlass (s.u.) eine gebrauchte, gut erhaltene deutschsprachige Ausgabe von Parkinsons Gesetz aus dem Jahr 1960, erschienen erstmals 1957. Ich lese heute noch hin und wieder darin.

Der Verfasser Cyril Northcote Parkinson (1909 – 1993) war britischer Historiker und Soziologe.

Dieses Buch ist ein Lehrstück in Unternehmensführung und gleichzeitig ein Meisterwerk des englischen Humors. Parkinson hat seine Beobachtungen und Erhebungen über die Entwicklungen in Verwaltung und Wirtschaft mit genialer Beweisführung und ebenso amüsant wie ironisch beschrieben.

Der Anlass, zu dem mir mein Chef das Geschenk (s.o.) machte, war neben meinem Geburtstag eine kurz zuvor erfolgte Aufsichtsratssitzung. Auf der Tagesordnung standen verschiedene Punkte. Es ging um die drohende Insolvenz eines großen Kunden mit möglichen Verlusten in 7-stelliger DM-Höhe sowie ein paar weitere beratungspflichtige, aber insgesamt weniger bedeutsame Themen. Letztlich stand noch die Entscheidung über ein neues Dienstfahrzeug für meinen Chef an. Zu der Zeit fuhr man als Vorstand selbstverständlich S-Klasse. Die stand auch nicht zur Diskussion, doch über die Ausstattungsdetails hat die erlauchte Runde von drei Vorständen und sieben Aufsichtsräten deutlich länger (55 Min.) diskutiert, als über die Maßnahmen, den Schaden durch den drohenden Konkurs des Mitgliedes möglichst gering zu halten (10 Min.).

Mein Chef hat diese Diskussionen über Dienstwagen stets mit Humor getragen und mir mit süffisantem Lächeln davon erzählt. Ein klarer Beweis für die Parkinson´sche Proportionalregel „Bei Budgetdebatten ist die für die Diskussion eines Ausgabenpostens aufgebrachte Zeit umgekehrt proportional zu dessen Höhe“ .

Parkinson sagt, dass die einfachen Themen deshalb so ausführlich diskutiert werden, weil die meisten Teilnehmer davon weit mehr verstehen als von den wichtigen Themen.

Parkinsons erstes Gesetz lautet: “Work expands so as to fill the time available for its completion.” „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“

Beispielhaft erzählt er von einer älteren Dame, die eine Postkarte an ihre Nichte schreiben will, wofür sie fast einen halben Tag benötigt. So lange braucht sie nämlich, um die richtige Postkarte zu wählen (60 Min.), ihre Brille zu suchen (60 Min.) und die Adresse zu finden (30 Min.), den Text zu entwerfen und zu schreiben (75 Min.). Schließlich muss sie noch entscheiden, ob sie auf dem Weg zum Briefkasten an der nächsten Straßenecke einen Schirm mitnehmen soll (20 Min.), in Summe 4 Stunden und 5 Minuten.

Wir, die wir täglich viele Entscheidungen treffen, hätten, so die Auffassung von Parkinson, die gleiche Aufgabe in drei Minuten erledigt. Bei der alten Dame hat sie dazu wohl noch ein Gefühl völliger Erschöpfung hinterlassen.

In meinem Arbeitsleben sind mir häufig Zeitgenossen in Leitungsfunktionen begegnet, deren Verhalten dem der alten Dame nicht ganz unähnlich war. Nicht dass sie durch Nichtstun auffällig geworden wären. Sie zeichneten sich eher dadurch aus, dass sie ebenso ausführlich und ausdauernd wie bildhaft beschreiben konnten, wie sehr sie belastet waren und wie viel sie doch leisten mussten, Überstunden inbegriffen. Und das erzählten Sie außer ihrem Vorgesetzen so ziemlich jedem, der ihnen über den Weg lief und das mehrfach am Tag.

Hätten sie nur halb so viel geklagt und diese Zeit genutzt, ihre Arbeit zu erledigen, wären sie von der Belastung durch Überstunden bestimmt verschont geblieben.

Oder war ihr lautes Wehklagen etwa Teil einer Strategie, den Personalstand im eigenen Abteilungsumfeld zu verstärken? Denn um selbst befördert zu werden, braucht man schließlich eigene Untergebene, so die These.

Dieser Gedanke entspricht einem weiteren Lehrsatz von Parkinson: „Jeder Angestellte wünscht, die Zahl seiner Untergebenen, nicht jedoch die Zahl seiner Rivalen zu vergrößern.“

Er geht einher mit der Erkenntnis: „Angestellte schaffen sich gegenseitig Arbeit.“ Zum Beweis führt er ein Beispiel aus der Königlich-Britischen Marine an.

Würde Parkinson seine Studien heute machen, könnte er sich wie im Schlaraffenland jede Menge realistisches Erhebungsmaterial in deutschen Behörden und öffentlichen Verwaltungen, aber auch in manch privatwirtschaftlichem Unternehmen beschaffen. Ich würde ihm jedoch empfehlen, sich die Entwicklung der Anzahl der Abgeordneten im deutschen Bundestag anzusehen.

Lieber Mr. Cyril Northcote Parkinson, aber tun Sie es besser doch nicht. Sie ersparen sich Kopfschmerz durch andauerndes heftiges Kopfschütteln.

Der 2. Teil meines Aufsatzes folgt in Kürze, darin werde ich auf diese Entwicklung näher eingehen.