Entscheiden: Ethik-Lust oder Pragmatismus?

By 19. Juli 2017Blog, Inhalte

Unternehmerisches Entscheiden trägt sicher auch kaufmännische, psychologisch-technische und andere werkzeugartige Facetten. Aber es steckt mehr dahinter: Fragen der Ethik etwa und deren Verhältnis zu pragmatischen Nutzenkalkülen.

Ethik ist gut! Warum?

Warum erfinden wir immer neue Ethiken, jeder möglichst seine eigene? Woher kommt unser Bedürfnis nach Ethik-Postulaten und deren Verteidigung? Und was haben diese Fragen mit AHA und mit Coaching zu tun?

Zweifel melden sich!

Warum können wir nicht ganz einfach in Gemeinschaften, etwa im Unternehmen, zusammen leben und arbeiten? Warum wollen wir nicht auf die natürliche Moralität vertrauen, die sich als psychologische Maschinerie im Laufe der biologischen und kulturellen Evolution herausgebildet und bewährt hat? Ganz ohne die Empfehlungen eines Ethikrats?

„Industrie 4.0“ heißt ein aktuelles Thema. Dabei geht es auch um das zukünftige Mensch-Maschine-Verhältnis. Und schon melden sie sich wieder, die Ethik-Leute, sie fordern eine Maschinen-Ethik. Denn sie fürchten um die Autorität des Menschen über die Maschine.

Was gibt es zu verlieren?

Magritte interpretiert Platons Höhlengleichnis

René Magritte interpretiert Platon: La Condition humaine, 1935

Entscheiden mit Platon:
Ideale der Ideenwelt?

Platon (428/427 – 348/348) hat uns gesagt, dass es alle Ideen schon gibt und immer gegeben hat, als Licht, als das göttliche Element. Wir leben jedoch lediglich in der beleuchteten Höhle und sehen nur Schein und Schattenspiele. René Magritte (1898 – 1967) hat das surrealistisch umgesetzt.

Entscheiden mit Kant:
Die Vernunft?

Immanuel Kant (1724- 1804) hatte dieses „a-priori-Element“ ins Diesseits geholt und nannte es die Vernunft. Ihr zu folgen ist die Forderung seines Imperativs, kategorisch, also bedingungslos.

Vom Wahren, Guten, Schönen …

Konservative folgen heute gern dem Platon und sehen den Lebensweg jedes Menschen als einen Weg zur Moralität. Sie wird durch Disziplin und Gehorsam, durch Belohnung und Strafe erzeugt und führt zum Wohlstand und zu guten Taten. Damit sehen sie die Transzendenz des Wahren, Guten und Schönen im Handeln sichergestellt. Etwa in den Entscheidungen eines Unternehmers.

Du sollst!

Wer sich dagegen für progressiv hält, greift lieber zu Kants Vernunft: Er etikettiert die richtige Gesinnung und die guten Taten als Produkte dieser Vernunft und des besseren Denkens. Von Kant leihen sich diese sog. Progressiven daher gern auch das Kategorische. Dabei ist „kategorisch“ nur ein anderes Wort für „dogmatisch“.

Gibt es einen dritten Weg?

  • Stellen wir uns stattdessen vor, (nicht nur) im Unternehmen weitgehend ohne a-priori-Autoritäten und ohne die Anmaßung bedingungs- oder alternativloser Annahmen zu entscheiden und zu handeln!
  • Stellen wir möglichst nur Nutzenargumente zur Diskussion!
  • Versuchen wir außerdem, zu akzeptieren, dass es die Bilder im Unbewussten sind, die unser Denken und Tun dominieren!
Entscheiden mit dem erhobenen Zeigefinger?

Kant: Do Sollst!

Wir können das Richtige nicht beweisen!

Der erhobene Zeigefinger ist dann tabu, und wir können „nur“ hypothetischen Imperativen gehorchen. Das sind situative Verhandlungsergebnisse, die solange bindend sind, wie sie als nützlich akzeptiert werden können. Nur falsifizierbare Thesen, Annahmen und Formulierungen würden uns daher leiten, so wie es Sir Karl Raimund Popper (1902 – 1994) vorschlägt.

Das können wir unternehmerischen Pragmatismus nennen. Philosophen und Ökonomen nennen es Utilitarismus.

Eine solche Unternehmenswelt wäre zwar nicht moralfrei, denn den individuellen Rucksack der „gene culture co-evolution“ können weder Mitarbeiter noch Führung mal eben in der Garderobe parken. Aber sie wäre ethikfrei, so wie Reinhard Sprenger wohl meint, wenn er in der WiWo online zitiert wird: „Unternehmen sind keine Kirchen, müssen nicht Werte wie Monstranzen vor sich hertragen, für die Kunden nichts zahlen.“

Entscheiden im Dilemma?

Wollen und können wir so entscheiden? Oder holt uns die Lust auf Ethik und Absolutes immer wieder ein? Vielleicht stecken wir als Ethik-Junkies in einer Dilemma-Situation. Denn die Versuchung ist groß: Mit der Kraft des Kategorischen, dem Wohlklang aus dem Ewigen und Jenseitigen erzeugen wir starke Wirkungen. So ernährt sich auch die blendende Strahlkraft des Populistischen. Rein pragmatische Plädoyers kommen dagegen vergleichsweise blass und ohnmächtig an.

Unsere Sprache wird hier zum strategischen Werkzeug für Populisten:

  • Wollen wir die Menschen Schiffe bauen lassen, dann „… lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer.“ (Antoine de Saint-Exupéry).
  • Das Thema Europa muss als “Jahrhundert-Werk“ (Martin Schulz) inszeniert werden.
  • Auch die erste Mondlandung ist mit dieser Art Narrativ angestoßen worden.
  • Fast zeitgleich faszinierte uns Martin Luther King mit „I have a dream!“.
  • Vorher war da noch der, der fragte: „Wollt Ihr den totalen Krieg?“.

Metaphorik ist am Werk! Für Religionen und Sekten, für politische Parteien und manchmal auch für Unternehmen scheint das Element des Absoluten überlebenswichtig und unverzichtbar zu sein. Für autoritäre, vor allem faschistische Regime ist es das tägliche Brot. Nur die wenigsten Menschen erkennen jedoch, dass die Rede manipulatives Geschwätz ist. Oder sie verdrängen die Erkenntnis, weil die Wirkung wärmt und wohltut wie das süße Gift einer Droge. Idealismus ist einfach gut.

Vorsicht vor dem Idealismus!

Deshalb erscheint es plausibel, dass vor allem die „großen Themen“ und Aufgaben wie Ökologie, Hunger, Menschenrechte, Technikfolgen, Soziale Gerechtigkeit usw. kaum ohne die Werkzeuge des Absoluten und Bedingungslosen angepackt werden. Ideelles aus Platons „Ideenwelt“ ist also immer mit an Bord! Beispiel: Ministerpräsident Kretschmann sieht beim linken Flügel der Grünen „einen gesinnungsethischen, einen idealistischen Überschuss“.

Planen wir dagegen die Implementierung einer neuen Software-Lösung, dann folgen wir dem Pragmatismus der Checklisten und unseren Erfahrungs-Heuristiken im „Bauch“. Weil es kein Jahrhundertprojekt ist, brauchen wir spirituelle Ansätze und Sprengers „Monstranzen“ dafür ebenso wenig wie Dogmen der Gesinnung.

Mit dem Dilemma leben!

Auch Mühle kennt die Zwickmühle

Dilemma?

Der Unternehmer muss seine Dilemma-Situationen mit Souveränität annehmen und jeweils wissen, wann und wofür er wie viel Strahlkraft einsetzen und in welchem Umfang er pragmatisch-nüchterne Transparenz im Entscheidungsprozess sicherstellen muss, um Commitment zu erreichen. Damit wird Entscheiden zu einer strategischen Aufgabe jenseits aller Entscheidungstechniken.

im AHA-Coaching stellen wir beide Ansätze zur Diskussion: Wir schauen, was uns Popper zu sagen hat. Und wir tauschen uns über unsere Erfahrungen mit der Strategischen Moral aus.

Führung spielt auf mehr als einer einzigen Klaviatur.

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